Über Panikattacken und Angststörungen II

[TriggerwarnungIn diesem Post reden wir u.a. aus eigener Erfahrung über die Themen Panikattacken und Angsstörungen.]

Alleine sein. Für manche ganz normal, für mich eine Qual.

Meine Angst und ich.

Es kommt oft sehr schleichend. Manchmal bemerke ich das Angstgefühl nicht bewusst, sondern eher wie ein Schatten, der sich über mein Herz legt. 
Den ganzen Tag fahre ich gut gelaunt durch die Stadt. Treffe mich mit Freunden, coworke für die Uni, gehe vielleicht noch etwas Essen. 
Ich genieße die Zeit mit Freunden und Familie sehr. Wahrscheinlich weil ich sehr extravertiert bin und nur wenig Zeit brauche, um meine Akkus wieder aufzuladen.

Aber manchmal, da verrenne ich mich regelrecht in Treffen mit anderen Menschen. Springe von Termin zu Termin. 

Nehme mir wenig Zeit für mich und meine Gedanken alleine. 
Diese Tage können sehr schnell kommen und ich habe mich schneller in dieser Zeitschleife von Treffen verloren, als ich darüber bewusst nachdenken kann.
Aber irgendwann, da kommt der Zeitpunkt, an dem ich alleine in die Wohnung komme. Mich nicht mehr mit Gesprächen ablenken kann und realisiere: nun kann sie mich einholen. Meine Angst.

Ich werde hibbelig. Eine innere Unruhe überkommt mich und Konzentration fällt mir sehr schwer. Dieser Zustand von allein sein, er wird mir bewusst. Und mit jedem Gedanken, mit dem ich realisiere, dass ich alleine an Ort und Stelle bin, wird es schlimmer. Keine Menschen um mich herum. Kein Lauschen von Stimmen. Höchstens die der Protagonist:innen im Fernsehen, wenn ich den Bildschirm einschalten würde. 

Ein Gefühl von Druck überkommt mich. 

Ich fange an zu weinen. Mein Atem wird schneller und der Schatten über meinem Herz, verengt nur noch mehr meinen Brustkorb. 
Die Frage: “Was stimmt nicht mit dir?” Kommt mir in den Sinn. Dann verstehe ich, was mit mir vermeintlich nicht stimmt. 

Es ist das Alleinsein, rede ich mir ein.

Mittlerweile ist mir bekannt, was die Ursache für dieses Angstgefühl ist. Kindheitstraumata, die mich immer wieder verfolgen und sich in Angstzuständen und Panikattacken kenntlich machen. Ein paar Situationen erklären sehr gut, warum ich auf „Allein sein“ so reagiere.

Zu oft wurde ich als Kind alleine gelassen, unwissend, was um mich herum passiert oder passieren wird. Mein Kopf kehrt dann in diese Zeit zurück. Obwohl ich nun erwachsen bin. Obwohl ich nicht unwissend bin.

Doch mein Körper sagt mir was anderes.

Es ist, als wenn ich der einzige Mensch auf der Welt wäre. Der Raum, der Einzige mit Leben erfüllt.
Und dann kommen die Sorgen und Zweifel. An mir, meinem Umfeld, meinem Leben, einfach alles stelle ich infrage. Fütternd die Angst, fühlt sich alles schwer an.

Wie ein Mantra sage ich mir dann Dinge, die mich wissen lassen, dass ich nicht alleine bin.
Manchmal da erfasse ich auch den Mut, zum Handy zu greifen und jemanden anzurufen. Doch vor allem nachts, wenn ich eigentlich schlafen möchte. Dann halte ich es mit mir alleine aus.

Lange Zeit, da habe ich dieses immer wiederkehrende Gefühl einfach hingenommen. Als ich bemerkte, dass das keineswegs ein normaler Zustand ist bzw. Es einfach nicht so weiter gehen kann, sprach ich über all meine Gedanken mit meiner Therapeutin. Dort lernte ich eine Sache, die mir diesen Zustand nun erträglicher macht:

Annehmen, statt Widerstand zu betreiben.

Mit jedem Gedanken, mich gegen diesen Angstzustand zu wehren, wird die Angst nur größer und erhält Aufmerksamkeit. Doch wenn ich sie versuche anzunehmen und sie mir wie ein kleines Kind einlade, dann wird es etwas leichter ums Herz. Ich stelle mir vor wie ich sie mir auf den „Schoß setze“ , dann habe ich mehr das Gefühl von Kontrolle. Manchmal, da benenne ich sie sogar mit Namen.
Die Namen geben mir das Gefühl, ich könnte mit meiner Angst kommunizieren. Sie hat nicht die Oberhand, sondern ich behalte am Ende die Zügel.

Angus - für meine Angst
Phoebe - für meine Panik

Wenn ich im Bett liege und nun beide zu “Besuch” kommen, so lade ich sie zu mir ein und höre, was sie zu sagen haben. Und manchmal, da habe ich Glück und sie merken, sie können auch ruhig verweilen.

Angenehm ist das Gefühl trotzdem nicht, aber nennen wir es erträglicher.

Die Ursachen behandle ich bereits seit langem in Psychotherapien. Doch ich musste einfach akzeptieren lernen, dass es erst einmal ein Teil von mir bleiben wird. Ich kann nur lernen, damit umzugehen und dazu gehört, dem Ganzen keinen Widerstand zu leisten. 

Es hilft offen über meine Angst allein zu sein, zu reden und unterscheiden zu lernen, dass einsam und Alleinsein was anderes sind. Nur der Zustand, unfreiwillig alleine in einem Raum zu sein, bereitet mir Panik und Sorgen.
Achtsamkeitsmethoden, um mich immer wieder gedanklich ins Hier und jetzt zu bewegen, helfen mir auch. Es gibt Tage, da klappt es sehr gut und andere an dem meine Affirmationen gar nichts zu bringen scheinen. Aber ich gebe nicht auf. Mittlerweile kennen meine Angst und ich uns schon ganz gut.

Jede:r geht anders mit den seinen/ihren Ängsten um. So auch ich. Für manche mag meine Methode verrückt oder banal klingen, aber das sollte es nicht. Es ist nichts Unnormales, Dinge zu haben, die einen emotional beschäftigen und vor allem ist es nichts Verrücktes, wenn man eine psychische Erkrankung hat. Neben den Angstzuständen und der Panikstörung habe ich bereits mehrere Episoden von Depressionen hinter mir und wenn ich eins gelernt habe, dann ist es mich weder dafür zu schämen, noch mir meinen Wert deswegen abzusprechen.

Ja, es mag mich vielleicht in einem wünschenswerten Alltag hindern, die Dinge zu tun, für die ich eigentlich emotional Kraft aufbringen möchte. Aber es ist ein Teil von mir und wird es auch immer bleiben. Zu oft habe ich den Satz gehört, wenn man psychisch leidet, dann ist man nicht so normal wie andere. Natürlich ist da was, was einen vielleicht zusätzlich belastet. Allerdings sollten wir aufhören, uns in „normal“ und „unnormal“ zu unterscheiden. Es mag eine extremere Form sein, die uns mit unserer Psyche auseinandersetzt. Dennoch sind wir genauso viel wert wie alle anderen ohne psychische Erkrankung.

Bei allen Gedanken, die ich während solcher angsterfüllten Momente habe, ist leider immer einer der stärksten: „Was stimmt nicht mit mir?“ oder auch übersetzt: „Was denken die anderen, stimmt wohl nicht mit mir?“ Niemand darf sich eine Meinung über dich erlauben und wenn wir diese Lebensrealitäten nicht akzeptieren und sichtbar machen, so werden viele weiterhin gefangen bleiben in dem Teufelskreis aus Angst und Gedanken über die Urteile anderer.

Danke, dass du dir Zeit genommen hast du, diesen Artikel zu lesen.

Mehr zum Thema findet ihr auch auf unserem Instagramaccount @melationship.de - dort könnt ihr uns auch gerne jederzeit Fragen oder eure eigenen Erfahrungen mit mentaler Gesundheit oder sogar konkret Angststörungen und Panikattacken berichten. 

Alles Liebe

Sarah

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